Restauratorin Mirja Harms ist seit Anfang Mai mit Engelsgeduld dabei, die Malerei auf Wand und Türzarge freizulegen.
© HWK/W. Feldmann

Seltener Schatz unter dicker Farbschicht

Mit Geduldsarbeit ist die Möbelrestauratorin Mirja Harms aus Leer der Küstengeschichte auf der Spur.

Ostfriesland. Eine acht Quadratmeter große Holzwand zu streichen, geht ganz schnell. Die Farbe wieder abzutragen, ist dann nicht mehr ganz so leicht. Und richtig kompliziert wird es, wenn sich unter der Farbe ein kleiner Schatz verbirgt. Beschriebene Wand befindet sich im „Zwei-Siele-Museum“ in Dornumersiel und wurde von der Diplom-Restauratorin Mirja Harms freigelegt. In einem kleinen Raum des Kapitänshauses von 1696 hat die Leeranerin in akribischer Detailarbeit in 300 Arbeitsstunden über zwölf Wochen fünf Farbschichten abgetragen.

Nicht mit Schmirgelpapier, sondern mit einem Skalpell bewaffnet, ließ sie millimeterweise kleine Stückchen abplatzen. Darunter kam eine blau-grünliche Marmorierung zum Vorschein, die in der Barock-Epoche mit Schwamm- und Pinseltechnik aufgetragen wurde. Bei näherer Betrachtung lassen sich kleine Ornamente wie Bäume, Kreise und Schriftzüge entdecken. „In diesem Stil ist ein komplettes Raumkonzept entworfen worden“, erklärt die gelernte Raumausstatterin Mirja Harms, die so gesehen die Arbeit eines Berufskollegen von vor über 250 Jahren wieder zum Leben erweckt hat. Als Arbeitsschritte wurde zunächst die Wand gereinigt und eine Leimschicht aufgetragen. Die Fehlstellen wurden dann mit einer Gouachefarbe retuschiert, „so dass sich das Erscheinungsbild optisch wieder schließt“. Am Ende wurde alles mit einem Schellacküberzug versiegelt.

Sach- und Kunstverstand der Handwerker dokumentiert

„Für uns ist die Freilegung ein echtes Highlight“, erzählt Helga Wiechers von der Karl-Heinz-Wiechers-Stiftung, über das kostspielige Projekt im Wert von 14.000 Euro. Die Stiftung hat hierfür viele Geldtöpfe angezapft, angefangen beim Land Niedersachsen über Spenden des Lions Clubs Esens bis hin zu einer privaten Bremer Stiftung, die sich für die Förderung von Kulturdenkmälern einsetzt. „Es ist ein weiteres Mosaikstück, um für die Öffentlichkeit darzustellen, wie die Menschen zur Blütezeit der Segelschifffahrt in unserem Sielort gelebt haben“, erklärt Helga Wiechers weiter. Die Malereien dokumentieren den Wohlstand der ehemaligen Bewohner – Kapitäns- und Eignerfamilien – und zeigen, über welchen Sach- und Kunstverstand die Handwerker zur damaligen Zeit bereits verfügten. „Nach unserem Wissensstand wurde Vergleichbares im ostfriesischen Raum noch nicht gefunden“, freut sich die Stiftungsgründerin über die Entdeckung, von der sie auch hofft, in weiteren Räumen fündig zu werden.

Raumgestaltung stammt aus dem Jahr 1744

Mit „kleinen Probefenstern“, also Abkratzungen, während eines Farbgutachtens hat man Malereien in Grün an den Wänden, Blau an den Decken und Rot an den Balken entdeckt. Auch die Türen sind in dem Stil gehalten. „Alles sehr edel und kostspielig“, erzählt Mirja Harms von den ursprünglichen Auftraggebern, Kapitän Focke Focken und seiner Frau Lükke, deren Initialen auf den aufwendig bemalten Nadelholz-Türen verewigt sind. Vier von ihnen hat sie bereits im Vorfeld im Wert von 20.000 Euro restauriert. „Toll ist, dass der Maler sein Werk auch mit dem Jahresdatum 1744 versehen hat“, sagt die Expertin. Eine Signatur des Künstlers gibt es allerdings nicht. Vielleicht sei diese noch unter dicken Farbschichten versteckt.

Ein seltener Werdegang für den norddeutschen Raum

Für Mirja Harms ist es eine ungewöhnliche Arbeit. Im Regelfall finden sich Möbel, Holzobjekte und Polsterarbeiten auf der Werkbank der diplomierten Restauratorin wieder. „Mir ist es wichtig, Dinge zu erhalten, die Geschichten erzählen und unsere Kultur widerspiegeln“, sagt sie. Hinter jedem historischen Stück stehe eine handwerkliche Leistung, deren Qualität und oft auch Seltenheit es wert sei, aufbewahrt zu werden.

Die 42-Jährige betreibt seit 2016 eine kleine Werkstatt in den Räumlichkeiten der Tischlerei „Feinschliff Rena Brahms“ Leer. Ihr Interesse an Antiquitäten wurde während ihrer Lehrzeit zur Raumausstatterin mit dem Schwerpunkt Polsterarbeiten in der Raummanufaktur Seitz in Leer geweckt. Danach entschied sich die Abiturientin, ein Studium zur Konservierung und Restaurierung von Möbeln und Holzobjekten in Hildesheim anzugehen und einen Master of Arts aufzusatteln. Nur wenige könnten diesen Werdegang vorweisen und noch weniger im norddeutschen Raum, erzählt sie.

Möbel und Holzobjekte werden konserviert oder restauriert

Nach dem Abschluss konnte sich das Nordlicht nicht dazu durchringen, in den Süden zu ziehen, wo die Stellen meist in Museen für diese ungewöhnliche Ausbildung etwas besser gesät sind. „Hildesheim war für mich schon südlich genug“, schmunzelt sie. So eröffnete sie am Studienort mit einer Kollegin 2009 ein Restaurierungsatelier. 2014 zog es die Ostfriesin als Selbstständige dann doch zurück in die Heimat. Mittlerweile hat sich die Mutter eines Sohnes einen guten Kundenstamm erarbeitet. „Meist ist es eine Möbelrettung von Privatleuten“, berichtet sie über die gute Auftragslage. Oft übersteige die Restaurierung auch den finanziellen Wert der Objekte: „Viele verknüpfen mit dem Stuhl, Schrank oder der Kommode Erinnerungen, die den Preis dann wieder aufwiegen“, erzählt Mirja Harms, die eine fachgerechte Konservierung oder Restaurierung anbietet.

Neuer Auftrag wird weiteres Stück Geschichte aufdecken

Im Kern geht es darum, viel von der originalen Substanz zu erhalten und mit traditionellen Handwerkstechniken und zeitgemäßen Materialien zu restaurieren und zu rekonstruieren. Wie bei dem derzeitigen Wandprojekt im Deichhaus, welches auch in seiner Bausubstanz noch viele spannende Projekte bietet. „Es ist wirklich ein historisches Kleinod“, ist sie sich mit Helga Wiechers einig. So seien noch nicht alle altertümlichen Türen aufbereitet, eine Fliesenwand ist für die Öffentlichkeit noch nicht zugänglich und einige Möbelstücke – Kellerfunde – warten noch auf ihre Neubelebung. Zunächst aber freut sich Helga Wiechers über die baldige Fertigstellung und die tolle Arbeit der Restauratorin. „Sobald wir wieder über die finanziellen Mittel verfügen, wird das nächste Stück Geschichte angegangen“, ist die Stiftungsmitbegründerin sicher.

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Bilder Download

BU: Restauratorin Mirja Harms ist seit Anfang Mai mit Engelsgeduld dabei, die Malerei auf Wand und Türzarge freizulegen.

BU: Die barocken Türen im Hinterhaus hat Mirja Harms bereits restauriert.

Bild_Baum: Kleine Details wie Bäume sind in der Tür- und Wanddekoration zu erkennen.

BU: Als Werkzeug dient ein Skalpell.

BU: Das Farbschichtfenster zeigt, wie viele Schichten abgetragen wurden.

BU: Diese Flurtüren warten noch auf ihre Wiederaufbereitung.