Werben für die Umschulung in Teilzeit (von links): Angela Mandel (BBZ-Geschäftsführerin), Teilzeitumschülerin Kerstin Fette, Fielmann-Niederlassungsleiter Christian Voigt und Marlie Malec von der Agentur für Arbeit Emden-Leer. ©HWK/W.Feldmann

Der perfekte Schliff für einen Neustart

Kerstin Fette hat trotz Verpflichtungen ihr berufliches Glück im Handwerk gefunden. Bei Fielmann in Wittmund wird sie als Teilzeitumschülerin ausgebildet.

Ostfriesland. Kerstin Fette musste nach der Trennung von ihrem Mann feststellen: Als alleinerziehende Mutter mit einem Rückenleiden ist der Status quo auf dem Arbeitsmarkt nicht der beste. „Ich hing ewig in unterbezahlten Jobs fest“, erzählt die 43-jährige Wiesmoorerin von ihren Versuchen, als Mutter eines 14-jährigen Sohnes und einer 17-jährigen Tochter wieder in der Berufswelt Fuß zu fassen. Ihre körperliche Einschränkung, die sich bei langen Belastungen bemerkbar macht, und eine lange Berufspause verhinderten die Rückkehr in ihren erlernten Beruf als Arzthelferin. Eine Lösung musste her, die sie nach einem kurzen Praktikum in der Fielmann-Filiale in Wittmund als Teilzeitumschülerin fand.

„Ich bin überglücklich, dass es so gelaufen ist“, berichtet Kerstin Fette von der Einstellung durch Niederlassungsleiter Christian Voigt. Habe es im Vorfeld doch einige Absagen gehagelt. Mittlerweile erlernt sie ihren Beruf als Augenoptikerin im zweiten Lehrjahr und ist damit eine von insgesamt zehn Frauen, die eine Teilzeitumschulung im ostfriesischen Handwerk angehen. Die Agentur für Arbeit Emden-Leer und die Handwerkskammer für Ostfriesland haben Kerstin Fette am Arbeitsplatz besucht, um für die besondere Ausbildungsform die Werbetrommel zu rühren. „Es sind meist Frauen, die nur schwer in die Arbeitswelt zurückfinden, weil sie für die Kindererziehung oder die Pflege der Angehörigen zurückstecken“, erklärt Marlies Malec, Beauftragte der Arbeitsagentur für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt.

Das Vorurteil, die Ausbildung in verkürzter Arbeitszeit sei nicht ausreichend, sei noch immer fest in den Köpfen verankert. Aber: „Gerade in dieser Personengruppe schlummert ein großes Potenzial, welches sich die Wirtschaft zunutze machen sollte“, ergänzt Angela Mandel, Geschäftsführerin des Berufsbildungszentrums (BBZ) in Aurich. Die Frauen seien meist hochmotiviert, stünden mitten im Leben und wüssten, was sie wollen. „Eine hohe Flexibilität ist allerdings Grundvoraussetzung, damit beide Seiten von dem Ausbildungsmodell profitieren“, so Marlies Malec weiter.

Niederlassungsleiter Christian Voigt kann dies bestätigen. Er bildet zum ersten Mal eine Umschülerin aus und ist von dem Konzept überzeugt: „Es hat einfach gepasst. Natürlich war es am Anfang ein organisatorischer Aufwand. Unterm Strich hat es sich aber gelohnt.“ Er hatte bereits seinen Ausbildungsplatz besetzt, als er Kerstin Fette einstellte. „Sie ist zu 100 Prozent motiviert und wir brauchen Mitarbeiter, die dem Unternehmen treu bleiben“, erklärt er seinen Entschluss. Kerstin Fette werde bei Fielmann ebenso wie alle anderen Auszubildenden behandelt. Auch die Berufsschule besucht sie mit ihren Mitstreitern zur gleichen Zeit. Der einzige Unterschied liegt in der verkürzten Arbeitszeit. In der Regel arbeiten Teilzeitumschüler 25 bis 30 Wochenstunden. Das Gehalt wird dementsprechend angepasst. Von der Agentur für Arbeit oder dem Jobcenter gibt es je nach Lebenssituation finanzielle Zuschüsse. Auch dem Arbeitgeber werden Sachleistungen, Prüfungskosten und ähnliches vergütet.

Das Ausbildungsmodell bietet großen Spielraum. „Es kann erwachsenengerecht angepasst werden“, erzählt die Beauftragte für Chancengleichheit. Betriebe stimmen mit den Bewerbern die Arbeitszeit und Länge der Ausbildung vertraglich und individuell ab. Bewährt habe sich eine Wochenarbeitszeit von 28 Stunden und eine Dauer von 30 Monaten, so Marlies Malec weiter. Im Falle von Kerstin Fette ergibt sich aufgrund ihrer besonderen Situation eine Arbeitszeit von 20 Stunden. Dafür nimmt sie die vollen 36 Monate Ausbildungszeit in Anspruch. „Damit auch die Praxis sitzt“, sagt die Wiesmoorerin, die bisher in der Werkstatt ihren Arbeitsplatz hatte und derzeit in der Kundenberatung eingewiesen wird. Alle sechs Wochen besucht sie für zwei Wochen die Berufsschule in Oldenburg. Hinzu kommen überbetriebliche Lehrlingsunterweisungen im Block an der Augenoptikerschule Hankensbüttel und weitere Schulungen der Firma Fielmann.

Dabei stellen die Blockunterrichte die größte Herausforderung dar. Ihre Kinder könnten sich zwar selbst versorgen, auch ein neuer Lebenspartner unterstütze sie, dennoch bräuchten sie ab und an ihren Zuspruch, erzählt die Mutter. Rückendeckung erhält sie vom Unternehmen. „Wenn es wirklich mal eng werden sollte, dann kann sie Kurse nachholen, oder sie wird persönlich geschult. Aber bis jetzt ist immer noch alles rund gelaufen“, sagt Voigt.

Interessierte können sich an die Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt, Marlies Malec, wenden. Sie ist erreichbar unter der Telefonnummer 0491 9270-296 oder E-Mail marlies.malec@arbeitsagentur.de

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Bild_Protrait: Kerstin Fette schleift in der Werkstatt ein Brillenglas.
Fotos: W.Feldmann