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Mittelstandsdialog: Ministerpräsident zu Gast in Aurich

„Am besten wäre es, wir würden mehr Kinder haben“

Infrastruktur, der demografische Wandel und die Herausforderungen der Digitalisierung haben die Besucher des Mittelstandsdialogs im Energie-, Bildungs- und Erlebniszentrum in Aurich umgetrieben. Mehr als zwei Stunden sprach Ministerpräsident Weil mit Vertretern der regionalen Wirtschaft sowie den regionalen Spitzen aus Politik und Verwaltung über die größten Herausforderungen im Nordwesten für die nächsten Jahre. Mit auf der Bühne standen die Präsidenten der Industrie- und Handelskammer (IHK) für Ostfriesland und Papenburg, Dr. Bernhard Brons, und aus Oldenburg, Gert Stuke, sowie die Präsidenten der Handwerkskammer Ostfriesland, Albert Lienemann, und Oldenburg, Manfred Kurmann. Die IHKs und HWKs hatten die Veranstaltung gemeinsam mit der niedersächsischen Staatskanzlei organisiert. Mit rund 175 Besuchern war das Interesse sehr groß. „Wir sind mit der Resonanz sehr zufrieden“, sagte Dr. Torsten Slink, Hauptgeschäftsführer der IHK für Ostfriesland und Papenburg.

„Die A31 ist eine Stillstandstelle“ kritisierte IHK-Präsident Dr. Bernhard Brons gleich in seinem Eröffnungsstatement und mahnte an, dass die geplante Bauzeit von vier Jahren nicht hinnehmbar ist. 

„Das ist kein Ruhmesblatt“, sagte Ministerpräsident Weil und räumte Fehler in der Planung ein. „Olaf Lies ist jetzt in der Spur und ich bin guter Hoffnung, dass wir jetzt schnell Fortschritte machen.“

Karsten Dirks vom Unternehmen EVAG in Emden kritisierte die lange Planungszeit für die Fahrrinnenanpassung der Außenems und mahnte an, wie wichtig die Außenems für die regionale Wirtschaft in Ostfriesland und Papenburg ist: „Ich persönlich bin verantwortlich für 700 Beschäftigte“.

Weil mahnte zur Besonnenheit. Bei so einem aufwendigen Verfahren müsse man sehr genau auf die Fallstricke achten, um in der Folge mit seinen Projekten auch vor Gericht Bestand zu haben: „Was jetzt passiert, ist für die Betroffenen ärgerlich. Ich hoffe aber, dass man das Kapitel nun abschließen kann und das es dann zügig weiterlaufen wird.“

Ein Thema, das die Runde besonders umgetrieben hat, war die Entwicklung der digitalen Infrastruktur. „Ich bin bekennender 2,5 MBitler“, sagte der Präsident der Handwerkskammer Ostfriesland, Albert Lienemann und kritisierte die großen Unterschiede bei den Datenübertragungsraten besonders mit Blick auf einen Vergleich zwischen Stadt und Land. 

Der Präsident der Handwerkskammer Oldenburg, Manfred Kurmann mahnte: „Viele Handwerksbetriebe sind klein, im ländlichen Raum angesiedelt, aber dennoch auf schnelle Internetverbindungen angewiesen.“

IHK-Präsident Gert Stuke aus Oldenburg sieht bei der Breitbandversorgung die kommunalen Träger in der Pflicht: „Die Erschließung der Digitalisierung ist eine Daseinsfürsorge des Landes.“

Es gebe drei große Infrastrukturblöcke, sagt Weil: Die Verkehrsinfrastruktur, die Energieinfrastruktur und die Digitale Infrastruktur. „Die Breitbandversorgung hat meiner Meinung nach dieselbe Bedeutung wie die anderen beiden Blöcke.“ Bereits 75 Prozent aller Gebäude in Niedersachsen seien mit 50 Mbit versorgt. „Doch dies ist noch lange nicht das Ende der Digitalisierung und das bedeutet für uns, dass wir konsequent weiter die Datennetze ausbauen.“

Zum Thema Bildung äußerte sich der Präsident der Handwerkskammer Oldenburg, Kurmann: „Etwa 1000 Berufsschullehrer fehlen in Niedersachsen. Das ist nicht zu verantworten.“

Weil begründete den Mangel vor allem mit fehlenden Fachkräften: „Uns fehlen die Lehrer“, sagte er. Darüber hinaus hätten die Berufsschulen durch die Zuwanderung von Flüchtlingen in Niedersachsen 36.000 neue Schülerinnen und Schüler hinzubekommen. „Die müssen fit gemacht werden.“ 

Einhelligkeit herrschte bei den Teilnehmern über die Eingliederung von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt. „Wir haben viele Geflüchtete. Die sind noch in der Warteschleife und da fehlt es oft auch noch an der Sprache“, sagte Brons. Er schlug vor, die jungen Menschen parallel zu den Sprachkursen auch mit Praktika beruflich zu integrieren und dadurch die Eingliederung zu optimieren. 

IHK-Präsident Stuke aus Oldenburg gab zu Bedenken, dass der Fachkräftemangel nicht nur eine Frage für die IHKs ist. „Es brennt bei vielen Unternehmen.“

Vor allem das Hotel- und Gaststättengewerbe sei betroffen. Die Branche habe einen hohen Personalbedarf bei gleichzeitig hohen Abbrecherquoten. „Wir müssen diese jungen Menschen gemeinsam in ein berufliches Leben eingliedern“, sagte Brons. 

Die Unternehmen stellten dabei nicht nur ein Fehlen der Fachkräfte, sondern auch eine mangelnde Ausbildungsreife fest. 

„Qualifizierter Nachwuchs ist die zentrale Baustelle seit 20 Jahren“, sagte Weil. Dieses Thema müsse an drei Punkten angegangen werden: „Wir müssen eine familienfreundliche Gesellschaft werden und wir müssen junge Leute dabei unterstützen, Familien zu gründen. Zweitens: Wir müssen uns mehr um Bildung kümmern und drittens müssen wir an der Vereinbarkeit von Familie und Beruf arbeiten. Da sind wir auch noch lange nicht dort, wo wir sein wollen.“ Weil sieht in der Bewältigung des Fachkräftemangels das zentrale Feld für die Zusammenarbeit von Staat und Wirtschaft räumte am Ende aber auch ein: „Am besten wäre es, wir würden mehr Kinder haben.“