Längst hat der digitale Wandel Einzug ins Handwerk gefunden. In der Fertigung von Wilken in Wiesmoor läuft die Produktion von Wintergärten komplett papierlos ab.

Handwerk 4.0 revolutioniert die Arbeitswelt

BFE-Oldenburg und Handwerkskammer für Ostfriesland klären über die Risiken und Chancen digitalisierter Betriebsstrukturen auf.

Ostfriesland. Der technologische Wandel macht vor keiner Branche halt. 3D-Drucker sind in den Gesundheitshandwerken eingezogen. Tischler erstellen mit ihnen kleine Modelle. Fleischer rechnen ihre Kunden am Bezahlautomaten ab. Und die Baubranche erstellt virtuelle Welten für den Auftraggeber. Klar ist, die Digitalisierung ist nicht nur etwas für Industriekonzerne. Allerdings fühlen sich viele Handwerksbetriebe vom technologischen Fortschritt bedroht. Das berichtete Diplom-Ingenieur Rainer Holtz vom Bundestechnologiezentrum für Elektro- und Informationstechnik in Oldenburg, kurz BFE-Oldenburg. Er hielt in einer Auftaktveranstaltung der Handwerkskammer für Ostfriesland vor 20 Gästen einen Vortrag zum Thema „Digitalisierung im Handwerk – Ihre Risiken, Ihre Chancen“.

Hemmnisse sehen die Unternehmen in den Anforderungen an die IT-Sicherheit, in rechtlichen Rahmenbedingungen oder zu hohen Investitionen. Oft sind die Mitarbeiter in dem Bereich nicht kompetent oder schlicht und einfach fehlen die technischen Standards wie ein Breitbandanschluss. „Etwa jeder fünfte Betrieb klagt über eine zu langsame Internetanbindung“, referierte der Bereichsleiter für Entwicklung und Technologie. Deshalb fordert der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) von der Bundesregierung mehr Investitionen in ein schnelleres Internet und mehr Einsatz für mittelständische Handwerksbetriebe.

Über allem schwebt die Frage, „Wie viel Zeit bleibt den Betrieben?“ Wenn es nach Rainer Holtz geht, nicht mehr viel: „Im Zeitalter der Digitalisierung verändern sich grundlegende Prozesse in rasanter Geschwindigkeit. Auch klassische Berufsbilder sind im Wandel begriffen. Wer jetzt nicht aufpasst, wird von seinen Wettbewerbern abgehängt.“ Dabei stünde die eigentliche Beschleunigung der Arbeitswelt noch bevor. Beispielsweise werde eine sogenannte digitale Brille (Google Glasses) die zukünftige Arbeitswelt revolutionieren. Mit ihr erhielten Maschinenbediener eine Hilfe, um Störungen zu beheben, Prozesswerte könnten angezeigt oder Anleitungen zu Arbeitsabläufen übermittelt werden.

Chancen für das Handwerk sieht Holtz derzeit in neuen Vertriebswegen, Bestellungen, Bezahlvorgängen, betriebswirtschaftlichen Strukturen oder Maschinensteuerungen. Bereits jetzt kann über das Mobiltelefon abgerechnet oder über Online-Shops individuelle Produkte zusammengestellt werden. In der Praxis beschleunigt der technologische Fortschritt die Arbeit beispielsweise auf Baustellen. Die Zeiterfassung erfolgt über ein Smartphone. Gleichzeitig wird die Wetterlage, der Materialbedarf und die Lieferungen sowie der Werkzeugzustand erfasst. Auftragsdetails können bequem vor Ort abgerufen werden.

Holtz rät, sich eine digitale Strategie zu erarbeiten und dabei der IT-Sicherheit oberste Priorität einzuräumen. Schnell sei eine Telefonanlage gehackt, wertvolle Kundendaten gingen beim Verlust des Mobiltelefons verloren oder der Mitarbeiter plaudere unbewusst auf Facebook Auftragsdetails aus. Das alles seien Szenarien, die zeigten, wie wichtig es ist, in gute Software und Beratung zu investieren und die Mitarbeiter entsprechend zu schulen. „Am Ende bleibt das größte Risiko, gar nichts zu machen. Dann geht der Zug an Ihnen vorbei“, sagte Holtz.


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