Anja Sikken (2.v.l.) bildet Vanessa Boomgarden (2.v.r) in Teilzeit aus. Geschäftsführerin Ursula Cords vom Jobcenter Emden (l.) und Handwerkskammerpräsident Albert Lienemann besuchten sie am Arbeitsplatz. © HWK

Halbtags zum Traumberuf

Mit der Teilzeitausbildung erhalten besonders junge Mütter die Chance, ins Berufsleben einzusteigen.

Ostfriesland. Kindererziehung, Berufsausbildung, Haushalt und Schule: Das alles unter einen Hut zu bringen, ist keine einfache Aufgabe. Vanessa Boomgarden aus Emden scheint dieses Kunststück mit einem Lächeln zu gelingen. Die 21-Jährige lernt seit August letzten Jahres den Beruf zur Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk in der Bäckerei Sikken in Emden. Das Besondere: Sie wird in Teilzeit ausgebildet.

In dem Arbeitsmodell hat die junge Mutter Zeit, ihren dreijährigen Sohn morgens in den Kindergarten zu bringen und in ihrer Schicht von 8.30 bis 13.30 Uhr in einer der 16 Filialen zu arbeiten. Zur Mittagszeit wird der Kleine abgeholt. Am Abend dann, wenn ihr Kind schläft, werden die Bücher aufgeschlagen. Die Berufsschule besucht sie genauso wie die Vollzeit-Azubis, teils bis 16 Uhr. Dann bleibt ihr Kind etwas länger in der Krippe. „Und wenn es mal drückt, helfen meine Eltern aus“, berichtet Vanessa Boomgarden von dem Rückhalt durch die Familie. „Die Herausforderung ist, dass die jungen Eltern neben der Kindererziehung in der Kürze der Zeit ihr Handwerk erlernen“, erklärt Magda Wegner. Für die Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt des Jobcenters Emden ist es ein tolles Instrument, um jungen Eltern den Einstieg ins Berufsleben zu ermöglichen. Gemeinsam mit der Handwerkskammer für Ostfriesland und der Agentur für Arbeit, hat sie den Betrieb besucht, um für das Teilzeitmodell anlässlich der Woche der Ausbildung vom 27. bis 31. März zu werben.

Im Bezirk des Jobcenters Emden berichtet Geschäftsführerin Ursula Cords von 590 alleinerziehenden, überwiegend jungen Frauen, für die eine Teilzeitausbildung in Frage kommen könnte. „Fast alle haben eine gute Schulausbildung, brauchen aber gute Rahmenbedingungen, wie familienfreundliche Betriebsstrukturen und eine gute Kinderbetreuung“, erklärt sie. In der Lehrlingsrolle der Handwerkskammer sind derzeit 29 Teilzeitauszubildende eingetragen – bis auf einen Bootsbauer alles Frauen. Der größte Anteil lernt den Beruf zur Fachverkäuferin oder Friseurin. Aber auch Bürokaufleute, eine Tischlerin und eine Metallbauerin sind darunter. Jetzt, vor dem Hintergrund des Nachwuchsmangels, werde das Instrument langsam besser angenommen. „Es könnten aber noch deutlich mehr sein“, sagt Handwerkskammerpräsident Albert Lienemann und weiter: „Frauen sind eine wichtige Zielgruppe, die das Handwerk nicht vernachlässigen darf. Mit der Teilzeitausbildung gewinnen beide Seiten: Betriebe motivierte Mitarbeiter und Jugendliche die Möglichkeit, in der Arbeitswelt Fuß zu fassen.“

Chefin Anja Sikken kann dies nur bestätigen: „Vanessa ist sogar mit eine der Besten in der Berufsschule.“ In der alteingesessenen Bäckerei arbeiten 135 Mitarbeiter. 16 Jugendliche werden ausgebildet, davon drei in Teilzeit. Trotz anfänglicher Skepsis, ob das alles für die jungen Frauen zu stemmen sei, kann Anja Sikken viel Lob aussprechen: „Die Mütter sind sehr loyal und engagiert. Sie wollen etwas erreichen und sind dankbar für die Chance – das spiegelt sich auch in ihren Leistungen wider.“

Interessierte Unternehmen oder junge Eltern können sich für Beratungsgespräche an die Handwerkskammer unter Tel. 04941 1797 -58 wenden. Ansprechpartner ist Dieter Friedrichs. Beim Jobcenter Emden berät Magda Wegner, erreichbar unter Telefon 04921 808 300.

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