Paul Meyer, Karina Kleen und Jens Stagnet (v.l.) referierten über zielgruppenorientierte Handwerksmärkte und eine generationsübergreifende Personalpolitik. © HWK

Der Handwerkskunde der Zukunft ist weiblich

Chancen und Risiken des demografischen Wandels zeigte die Handwerkskammer auf. Der Weg ins Portemonnaie der Babyboomer führt über die Frau.

Ostfriesland. Wer hätte das gedacht: Es gibt mehr Frauen als Männer in Deutschland und die „Pyramide steht Kopf“. Gemeint ist damit die grafische Darstellung der Altersstruktur der deutschen Bevölkerung, die aktuell eher aussieht wie ein Trichter. Bekannt ist, die Babyboomer aus den 60er Jahren sind auf der Bevölkerungsskala nach oben geklettert. Damit bilden die 50-Plus-Jahrgänge die stärkste Population. Dem gegenüber steht die untere Hälfte mit den geburtenschwachen Jahrgängen, die sogenannten X-,Y- und Z-Generationen, die mit digitalen Medien aufgewachsen sind.

Beide Gruppen vor und nach dem Pillenknick sind fürs Handwerk relevant. Der obere Abschnitt als zahlungskräftige Kunden, die jüngere Bevölkerung als Pool für Fachkräfte. Welche Chancen und Risiken mit der derzeitigen demografischen Situation verbunden sind, haben zahlreiche Gäste bei der Veranstaltung „Alterspyramide – Fluch oder Segen für das Handwerk“ in der Handwerkskammer für Ostfriesland (Aurich) erfahren.

Karina Kleen, betriebswirtschaftliche Beraterin der Kammer, gab den Unternehmern Werkzeuge in Sachen generationsübergreifende Personalpolitik an die Hand. Ihr Motto: „Jedes Alter zählt.“ So müssten die Betriebe darauf achten, ihre ältere Belegschaft mit Gesundheitsangeboten – Obsttagen, Sportaktivitäten, Raucherentwöhnungen – zu fördern und deren Knowhow zu erhalten. Auch das Potenzial von Frauen sollte durch flexiblere Arbeitszeiten genutzt werden. Das Schlagwort „Familienfreundlicher Arbeitgeber“ sei ein weiteres Feld, mit dem die Unternehmer in jeder Altersgruppe ihr Image aufpolieren könnten.

Paul Meyer verriet im Anschluss, dass das Handwerk im Werben um die zahlungskräftige ältere Zielgruppe „erschreckend“ zurückliegt. Der Strategieberater aus Leer hat sich auf den Wirtschaftsfaktor Demografie in der Baubranche spezialisiert. Er bezeichnete die über 50-Jährigen als vergoldete Generation, die „in Geld schwimmt“. „Sie können und wollen sich etwas leisten, finden meist nur nicht die richtige Beratung.“

Für sie spielten noch vor der Preisfrage die Leistung und die Qualität sowie das Design eine große Rolle. Ihre Vorliebe, schöner, moderner und sicherer im Eigenheim zu wohnen, sei ein lukrativer Absatzmarkt fürs Handwerk.

„Dafür muss man aber auch im Kopf des Kunden spazieren gehen können“, so Meyer weiter. Heißt, die Handwerker müssen sich zu wahren Frauen-Verstehern entwickeln. Sie geben in der älteren Generation den Ton an, sei es bei der Einrichtung, der Modernisierung, Sanierung oder dem Autokauf. Allerdings setzen sich nach Angaben des Beraters nur die wenigsten Unternehmen mit den Problemen und Wünschen der weiblichen Kunden auseinander. Angebote seien meist zu technisch und auch der erste Kontakt, im Internet, am Telefon oder im Unternehmen, schrecke oft ab.

So schätzte Meyer, dass fast 50 Prozent aller geplanten Modernisierungen nicht in Auftrag gegeben werden, weil die Frauen im Vorfeld schlechte Erfahrungen gesammelt hätten. Fragen wie, „Machen die Dreck?“ und „Wann sind die Handwerker fertig?“, trieben sie um. Mit Schuhüberziehern, sauber hinterlassenen Arbeitsplätzen und Zuverlässigkeit könnten die Unternehmen punkten.

Wie die jüngere Generation als Nachwuchs gewonnen werden kann, stellte Jens Stagnet von der Wachstumsregion Ems-Achse vor. Der Verein hat sich die Findung und Bindung von Mitarbeitern für die Region auf die Fahnen geschrieben. Unternehmen könnten kostenfrei auf dem Onlineportal www.jobachse.de ihre Stellenangebote einstellen und Bewerbungsprofile abrufen. Diese werde durch das Mitarbeiterteam mit verschiedenen Aktionen und Messebesuchen beworben.

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